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Das arme Heidenkind

Das arme Heidenkind

Es hat eine Weile gedauert, bis ich begriffen habe, dass dieses extra Morgengebet für das arme Heidenkind, mir galt.


Ich war neu in dieser katholischen Mädchenklasse. Ein Flüchtlingskind im 2. Schuljahr. Ich war blass, hoch aufgeschossen, nur noch Haut und Knochen. Ich hatte gerade noch zusammen mit meiner Mama und meinen beiden jüngeren Schwestern überlebt.


Wir waren zwei Jahre im Untergrund – in unserer Heimat Jugoslawien. Dann wollten wir zu meinem Vater. Die einzige Möglichkeit war illegal. 1.600 Kilometer über zwei Grenzen bis Linz in Österreich, große Strecken zu Fuß. Meine Mama, meine Schwester Käthe 5, meine Schwester Hilde 4 und ich 7 Jahre alt. In Linz waren wir 8 Monate in einem Flüchtlingslager in der Hoffnung, ein Transport würde uns nach Deutschland zu unserem Papa bringen. Als klar war, dass wir nicht ausreisen durften, entschloss sich Mama wieder zur Flucht, um mich vor dem sicheren Hungertod zu bewahren. Wieder illegal über die streng bewachte Grenze nach Deutschland.

Wir haben überlebt. Wir hatten endlich Papa wieder. Da war ich nun und meine Lehrerin vom katholischen Orden der Englischen Fräulein, ließ für mich, das arme, evangelische Flüchtlingskind, ein extra Gebet sprechen.

Ja, ich war arm, bitter arm. Ich hatte keine Schuhe mehr. Meine Eltern konnten noch keine für mich auftreiben. Auf die Lebensmittelkarten hatten wir keine Zuteilung dafür. Aber es war Mai. In den Monaten ohne „R“ konnte man barfuß laufen.
Mein Kleid war auch schon viel zu kurz. Doch es war das einzige was ich hatte.


Nur mein Schulranzen war neu. Papa hat ihn für mich aus Abfallbrettern gemacht. Ich war das einzige Kind an der ganzen Schule, das seine Hefte und Stifte in einem Tornister aus Holz transportierte. Ich war nicht zu übersehen. Bald wusste die ganze Schule, dass ich die evangelische Neue und das arme Heidenkind war.

Wenn Mama für die Suppe etwas Sauerampfer brauchte, weil wir nichts anderes mehr zum Essen hatten, musste ich ihn von der Wiese pflücken. Aber der Bauernjunge kam und vertrieb mich mit seinem Prügel. Es war seine Wiese und ich sollte verschwinden.
Papa bastelte Lastautos aus Abfallholz. Das bekam er von seinem Arbeitgeber geschenkt. Er war ein geschickter Schreiner. Mit den Spielsachen ging er in die nahen Dörfer und wollte sie gegen Kartoffeln für uns eintauschen. Doch niemand hat ihm welche gegeben. Arme Heiden waren nicht erwünscht.

Eines Samstags am Nachmittag klopfte ein Herr an unsere Türe. Er war sehr freundlich zu uns. Er erzählte uns etwas aus der Bibel. Er las daraus vor, dass Gott bald alle Ungerechtigkeit mit seinem großen Krieg von Harmagedon von der Erde beseitigen wird.
Er lud uns ein zu Menschen, die ebenfalls alle sehr freundlich zu uns waren. Sie hatten alle die Überzeugung, dass sie „in der Wahrheit“ sind. Alle, die ihnen folgten würden gerettet.


Ich – das arme Heidenkind – hatte „die Wahrheit“ gefunden. Ich wollte Harmagedon überleben und ich wollte noch ganz viele andere Menschen retten.
Alle sollten überleben. Deshalb schloss ich mich zusammen mit meinen Eltern dieser Gruppe an und fing eifrig an zu predigen, dass das Ende Nahe ist.
Die ganze Geschichte dieses armen Heidenkindes habe ich in dem Buch
„Drei Wege – ein Ziel – Überleben“,
aufgeschrieben.
Die wahre Geschichte von diesem kleinen Mädchen soll verstehen helfen warum auch modernen „Heilsverkünder“ für manche eine Gefahr bedeuten.
Ich hoffe sehr, dass sie dem Leser auch ein paar kurzweilige Stunden schenkt.


Autor: Barbara

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