Liebe bis zum Tod
Liebe bis zum Tod
Es begab sich vor langer Zeit, dass sich ein kleiner Vogel auf den Weg machte, um die Welt zu entdecken.
Der kleine Vogel war, ein paar Tage, nachdem er geschlüpft war, aus seinem Nest gefallen und wusste nicht, was er tun sollte. Er schrie um Hilfe, doch niemand hörte oder interessierte sich für ihn. Nicht einmal seine Mutter. Oder sie wollte oder konnte ihn nicht hören. Und überhaupt fragte er sich, warum er kleiner war, als seine Geschwister, warum er sich anders anhörte, warum er anders aussah. Seine Geschwister waren ganz schwarz, er hingegen war am Bauch rot. Und eben viel, viel kleiner.
Nach einiger Zeit fand eine Fledermaus den kleinen Vogel.
>>Was machst du hier so alleine, kleiner? << fragte sie ihn.
>>Ich… Ich bin aus meinem Nest gefallen. Ich habe so laut geschrien, wie ich nur konnte. Aber niemand hat mich gehört. Nicht einmal meine Mama. << antwortete er.
>>Möchtest du mit mir kommen? Ich verstehe zwar nicht viel von deiner Sorte, aber du hast sicher Hunger. Meine Kinder freuen sich bestimmt, wenn du mit mir kommst und mit ihnen spielst<<.
>>Ja, ich hab großen Hunger. Ich würde gerne mitkommen. Aber ich kann doch nicht fliegen…<< meinte der kleine Vogel.
>>Das macht nichts. Kletter auf meinen Rücken dann fliege ich dich zu uns nach Hause.<<
Also stieg er auf den Rücken der Fledermaus und sie flog langsam und vorsichtig zu ihrem Daheim. Dort angekommen, ging die Fledermaus auf die Jagd und holte etwas zu Essen für uns. So lange sie weg war, zeigten ihm ihre Kinder ihre Welt. Er fand es etwas kurios, wie sie sich untereinander verständigten und vorallem, dass sie mit dem Kopf nach unten schliefen. Aber immerhin bekam er etwas zu Essen und konnte sich ausruhen.
Ein paar Tage lebte der kleine Vogel bei Familie Fledermaus, bis er stark genug war, um alleine zu überleben und bis er gut fliegen konnte. Das Fliegen hatte Frau Fledermaus ihm gezeigt. Nun fand Frederic- wie die Fledermäuse ihn genannt hatten- es an der Zeit, von Familie Fledermaus weg zu gehen. Er bedankte sich und flog davon.
Lange flog er sinnlos umher, machte Halt an verschiedenen Orten und bei verschiedenen Tieren. Er hatte beschlossen, herauszufinden, wer er wirklich war.Doch wo er auch Halt machte, niemand mochte ihn. Er wurde gehänselt und ausgeschlossen. Er konnte nicht schwimmen und Dämme bauen, wie die Biber. Er konnte keine Milch geben wie Kühe und hatte keine Wolle, wie Schafe. Jagen, wie Fledermäuse, konnte er auch nicht. Frau Fledermaus hatte ihm zwar gezeigt, wie man jagt, aber geklappt hatte es nie. Schon gar nicht konnte er über etwas hinüber springen wie Pferde. Selbst die Enten schlossen ihn aus. Er konnte nicht schwimmen und sie fanden ihn sehr hässlich. Frederic war ja eben nicht gelb, wie die Enten.
Bald fühlte der kleine Vogel sich erschöpft und alleine. Er saß gerade traurig auf einem Baum und zwitscherte vor sich hin, als ihm eine Idee kam: War er nicht so weit weg, von zu Hause? Konnte es nicht sein, dass Seinesgleichen hier nicht wohnten?
Also beschloss Frederic, sich aufzumachen, um wieder nach Hause zu fliegen. Er hielt kurz bei Familie Fledermaus an, die sich freuten, ihn nach so langer Zeit wieder zu sehen. Er erzählte ein bisschen von seiner langen Reise, machte sich dann aber bald wieder auf den Weg. Er irrte wieder eine Weile umher, doch dann fand er den Baum wieder, wo damals sein Nest gewesen war. Er fand auch das Nest, es war jedoch verwaist und roch komisch.
Also flog Frederic wieder davon, weiter, und immer weiter, bis er kaum noch konnte. Da setzte er sich an einen See und starrte auf das Wasser. Ab und an tappte er mit einem Fuß in das Wasser und zählte die Ringe, die es zog, nachdem er den Fuß wieder wegnahm.
Frederic war so beschäftigt, dass er gar nicht bemerkte, dass sich jemand neben ihn setzte. >>Wer bist du? << fragte es dann plötzlich neben dem kleinen Vogel. Frederic drehte sich erschrocken zu der Richtung um, aus der die Stimme kam, und glaubte nicht, was er da sah: Dieses Wesen, das neben ihm hockte, schaute genau so aus, wie er. Wie Frederic!
>>Ich bin Frederic! Und wer bist du? Du siehst ja genauso aus wie ich! <<
>>Ich… heiße…Lara! Wo kommst du denn her? fragte sie.
>>Ich habe dich hier noch nie gesehen! <<
>>Ich weiß nicht so genau, wo ich herkomme. << antwortete Frederic. Dann erzählte er ihr seine Geschichte, sie hörte geduldig zu. Dann lud Lara Frederic ein, mit ihr nach Hause zu kommen. Schon auf dem Weg hatte er ein komisches Kribbeln im Magen, als hätte er ein paar Tausendfüßler gegessen, die nun in seinem Bauch herumkrabbelten.
Lara backte einen Kuchen für Frederic und erzählte ihm auch noch so einiges von ihr selbst. Aber sie erzählte ihm auch von ihrer Sorte. Beide stellten fest, dass Frederic auch von Lara´s Sorte war. Lara brachte ihm einiges über das Leben als Rotkehlchen, wie sie die Sorte nannte, bei. Bald verliebte sich Frederic in Lara, und auch Lara mochte ihn sehr gerne. So kam es, dass die beiden Hochzeit feierten und auch Kinder bekamen.
Frederic gefiel sein Leben als Ehemann und Vater recht gut. Er musste nichts zu Essen besorgen für die Kinder, das machte Lara, er brauchte sich nur um das Nest zu kümmern, es sauber und ordentlich zu halten und um die Kinder. Und doch wurde es ihm bald zuwider, immer nur dasselbe tun zu müssen und Lara kaum zu sehen. Die war ja damit beschäftigt, für die Kinder Futter zu besorgen.
Irgendwann sprach Frederic Lara darauf an, doch sie wollte nichts davon wissen. Ein paar Tage lang schaute er sich das noch mit an, dann beschloss er, dass er das nicht mehr wollte und flog davon.
Es verging wieder einige Zeit, wieder flog Frederic sinnlos umher.
Bis er ein anderes Rotkehlchen traf. Es war so ganz anders als Lara, so viel ruhiger und verständnisvoller. Es dauerte nicht lange, da verliebte sich das Rotkehlchen, das den Namen Franzi trug, in Frederic.
Immer, wenn Frederic sich mit Franzi traf, sah er, wie sehr ihre Augen glitzerten und er bemerkte, wie sie seine Nähe suchte. Doch er konnte damit nicht umgehen und verstand das alles nicht. Franzi war immer so lieb mit ihm und kümmerte sich um Frederic, so gut es ging. Sie versprach ihm, wenn er Hilfe bräuchte, bei was auch immer, sie würde ihm helfen. Doch auch dieses Angebot schlug er immer wieder aus. Er bemerkte nicht, was in Franzi vorging, und so bemerkte er auch nicht, dass sie sich immer mehr zurückzog und innerlich verkümmerte. Sie weinte viel und wollte bald nichts mehr mit ihm zu tun haben. Also verließ Frederic Franzi und kehrte zu Familie Fledermaus zurück. Dort musste er allerdings feststellen, dass Frau und Herr Fledermaus gegangen waren. So sagten es jedenfalls die anderen Fledermäuse. Aber Frederic konnte damit nichts anfangen. Er blieb, weil er sonst niemanden hatte, wieder ein paar Tage bei den Fledermäusen.
Doch dort fiel ihm auf, dass er etwas schmerzlich vermisste. Es war die Nähe und die Zuwendung eines Rotkehlchens. Er überlegte hin und her, ob er nun Lara mehr vermisste, oder doch Franzi. Frederic kam zum Entschluss, zu Lara zurück- zukehren. Er flog zu Lara´s Nest, doch er fand es verwaist vor. Da wurde ihm jedoch plötzlich einiges klar und er flog zu Franzi. Bei ihrem Nest angekommen sah er sie zunächst nicht. Er hörte nur ein leises Wimmern.
>>Fre…Fre…Frederic? Bist dus? << hörte er.
>>Ja, ich bin es. Franzi, wo bist du? << sagte Frederic. Kaum hatte er diesen Satz ausgesprochen, sah er sie auch schon. Sie lag am Rande des Nestes, traurig und verkümmert sah sie aus. Erschrocken stürzte er zu ihr hin und fragte, was mit ihr los sei.
Sie erklärte daraufhin: >>Seitdem du weg bist, geht es mir von Tag zu Tag schlechter. Aber auch als du noch da warst… Ich habe dir so viele Zeichen gegeben, habe so gewartet, so gehofft, dass du endlich verstehst. Aber du hast nie verstanden, was ich dir sagen wollte. Die ganze Zeit habe ich versucht, dir klar zu machen, dass ich mich in dich verliebt habe. Aber du hast es nie bemerkt! NIE!<<
>>Aber…Franzi! Das wollte ich doch nicht! Ich war noch viel zu sehr damit beschäftigt, dass ich von Lara abgehauen bin. Aber mit der Zeit, habe ich gemerkt, dass ich nicht Lara brauche, sondern dich! Ehrlich. Ich weiß, es war blöd von mir, dich so zu behandeln. Ich schäme mich für mein Verhalten.<< sagte Frederic.
Kaum hörbar wisperte Franzi: >>Ich muss gehen, Frederic…<<. Doch Frederic hörte das nicht. Ganz leise flüsterte er ins Ohr: >>Ich habe lange gebraucht, das zu verstehen. Aber… Franzi… Ich liebe dich! Ich gehe nicht mehr fort von dir. Ich habe bei dir das gefunden, was ich so lange gesucht habe. Liebe und Geborgenheit. Dich! Franzi, ich liebe dich. Nie mehr gehe ich von dir fort. Hörst du? Nie mehr!<<
Er bekam keine Antwort mehr. Franzi war gegangen. Hilflos redete er auf sie ein, schüttelte sie, hoffte, alles war nur ein böser Scherz. Er weinte und weinte. Er begriff nicht, was geschehen war. Sehr lange saß er neben Franzi, neben ihrem leblosen Körper. Immer wieder versuchte er, zu begreifen, was passiert war.
Nach einer Weile fiel ihm dann ein, was die Fledermäuse gesagt hatten: Irgendwann ist es so weit. Irgendwann muss eine geliebte Person gehen. Dann wird man viel weinen und nicht verstehen. Man wird Gründe suchen, warum das gerade jetzt passieren musste. Aber man wird nie Gründe finden können, so sehr man sich auch bemüht. Also liebe diese Person, und verbringe so viel Zeit mit ihr, als wüsstest du, es wäre ihr letzter Tag. Gib ihr das Gefühl, geliebt zu sein. Liebe kann viele Wunden heilen, jedoch nie die, die letztendlich tödlich sind.
Da begriff Frederic erst, was es bedeutet, wenn man sagt: >>Sie ist gegangen<<. Und er schwor sich, nie wieder jemanden so zu lieben, wie er Franzi geliebt hatte. Wenngleich er es ihr nicht zeigen konnte, wenngleich er es nie begriffen hatte, dass es eigentlich die ganze Zeit sie war, die ihn am Leben gehalten hatte, durch ihre Zuneigung zu ihm. Er liebte sie, bis ans Ende seiner Tage. Bis auch er gegangen war, und sie sich endlich wiedersahen. Im Himmel.
Autor: Steffi
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